SCHÖNHEIT HOCH DOSIERT DALE CHIHULYS MILLE FIORI-INSTALLATION

Peter Fischer
MILLE FIORI

Mit Sand und Feuer beginnt die Geschichte von Mille Fiori, geschrieben vom amerikanischen Glaskünstler Dale Chihuly. Einem Alchemisten gleich bringt er diese Elemente zusammen und verwandelt sie in Glas. Die Herstellung von Glas aus erhitztem Sand ist an sich noch nichts Bemerkenswertes für einen Glasbläser. Wenn diese Verwandlung hingegen in eine solche Formenvielfalt und Farbenpracht, in ein derart komplexes Spiel vonOpazität und Transparenz mündet, wie dies bei Chihuly der Fall ist, ist man tatsächlich versucht, von einem Wunder zu sprechen. Chihuly erschafft mit seinen Installationen aus Glas eine eigene Welt.

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Sein Werk ist seit jeher von der Auseinandersetzung mit der Natur geprägt. Er hat die beiden Welten in verschiedenen Projekten zusammengebracht, am eindrücklichsten vielleicht in den Gewächshäusern grosser botanischer Gärten – 2001 im Garfield Park Conservatory in Chicago, 2003 im Franklin Park Conservatory in Ohio, 2004 im Atlanta Botanical Garden und 2005 in Kew Gardens in London. Sehr behutsam wurden diese Zusammentreffen zweier Welten inszeniert, und es ist interessant zu beobachten, wie die Glasobjekte sich einerseits wie natürlich gewachsen in die Pflanzenumgebung einschmiegen, andererseits markante Kontrapunkte setzen und auch wohltuend die systematische Ordnung, in die ein botanischer Garten die tropische Vegetation nun mal bändigt, zu durchbrechen vermögen.

Das alte Thema des Wettstreits zwischen Kunst und Natur drängt sich hier auf, fruchtet aber wenig, denn es geht hier nicht um Fragen der Nachahmung, sondern wie gesagt um zwei eigenständige Welten organischer Formen und Farben. Trotzdem beeinflusst die räumliche Umgebung, in der Kunstwerke installiert sind, unsere Wahrnehmung derselben in wesentlicher Art. Chihuly hat die damit verbundene Herausforderungstets gesucht. Schon früh hat er seine einzelnen Glasobjekte vom Korsett des kunsthandwerklichen Objekts, das auf einem Sockel und unter einer Glashaube sein isoliertes Dasein fristet, befreit und sie zu raum- und ortsbezogenen Installationen zusammengefügt. Seit den 1990er Jahren wurden die Installationen immer grösser, und die organischen, leuchtenden Glaskonstellationen bildeten einen wirkungsvollen Kontrast zum zumeist architektonischen Kontext – beispielsweise dem Union Station Federal Courthouse in Tacoma, Washington, dem Bellagio Casino in Las Vegas oder der Zitadelle von Jerusalem im gigantischen Projekt Chihuly in the Light ofJerusalem im Jahre 2000. Der damit verbundene hohe Anspruch an die dekorativen Qualitäten birgt aber zugleich die Gefahr, das Kunstwerk selbst als der Architektur untergeordnet zu betrachten.

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Dies mag die Rückkehr in den klassischen White Cube des Galerien- oder Museumsraums erklären, die Chihuly seit 2003 in einigen wenigen bemerkenswerten Installationen vollzieht. Seine musealen Auftritte sind nicht nur Manifestationen zu Gunsten seiner autarken Kunstwerke, sondern auch eine Nobilitierung von Glas als autonomes künstlerisches Medium. Auf einer niedrigen, spiegelglatten schwarzen Plattform, die freistehend im Raum aufgebaut ist, entfaltet sich eine geheimnisvolle Vegetation aus Glas zu einem Zaubergarten, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Die präzise Ausleuchtung des Environments unterstützt die Eigenschaften, die nur dem Glas eigen sind, nämlich zugleich einen Körper wie eine Transparenz zu besitzen und somit das Licht sowohl zu reflektieren als auch durchscheinen zu lassen. Hunderte einzelner Glasobjekte sind in Clusters zu einer Gesamtkomposition zusammengefügt, die – musikalisch gesprochen – einen mehrstimmigen, harmonischen Klangkörper bildet. Die spiegelnde Oberfläche der Plattform verlängert diese Märchenwelt in die Tiefe und verleiht ihr, unterstützt durch die vielen schlingernden tentakelartigen Formen, den Anschein eines Unterwassergartens. Mille Fiori nennt Chihuly diese Installationsform, ein sinnfälliger Titel mit wörtlich zu nehmender Bedeutung und zugleich die Fachbezeichnung einer antiken Technik der Glasverarbeitung, die im 16. Jahrhundert in Murano wieder aufgenommen und perfektioniert wurde. Dabei werden Glasstränge gepresst, zusammengeschmolzen und in Scheiben geschnitten, um anschliessend als mosaikartige Bausteine zur Komposition von bunten Blumen-, Sternen- oder anderen ornamentalen Mustern zu dienen. Chihulys Mille Fiori-Installationen weisen eine Analogie zu diesem raffinierten Verfahren auf: Unzählige einzelne Elemente, jedes für sich von grosser Perfektion und trotz Typisierung von einer eigenen Individualität, fügen sich zu einer Ganzheit zusammen. Ein verschwenderischer überfluss, ja geradezu eine überdosis von Pracht, die kein anderes Ziel zu verfolgen hat, als sich zur absoluten Schönheit zu potenzieren.

Die Rezeption des Werks von Chihuly, der seit Mitte der 1960er Jahre in seinem Medium arbeitet und viele Entwicklungslinien der neuesten Kunstgeschichte mitvollzogen hat, war stets ambivalent. Die Kunstkritik bekundet bis heute Mühe mit dem Medium Glas, dem der „Makel“ des Kunsthandwerklichen anhaftet. Zudem rufen gerade Chihulys Grossprojekte nach einer Produktionsform, die sich vielmehr an den grossen Werkstätten der Renaissance- und Barockkünstler orientiert, als am Originalitätsbegriff der Moderne und dessen Gebot der Eigenhändigkeit. Heute setzt sich aber – nicht nur in der Kunst – die überzeugung durch, dass Kollektive und die Zusammenarbeit verschiedener hochspezialisierter Disziplinen erst Herausragendes zu leisten imstande sind. So erweisen sich auch die Arbeiten Chihulys meistens als die Frucht eines Teams, das je nach Aufgabe auch schon mal die innovativsten internationalen Glasbläser umfassen kann, aber auch Lichtspezialisten, Metall- und Holzbauer, Fotografen und eine effiziente Administration. Ein hoch kreatives Unternehmen also, dessen Motor der unbändige Gestaltungsdrang von Dale Chihuly ist.

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Chihulys Arbeiten und Installationen vermögen ein Millionenpublikum zu begeistern. Ihr affirmativer Charakter stellt sie in Opposition zur Avantgardekunst, die oft mit selbstreferentiellen, intellektuellen Konzeptenund Kodes arbeitet, und setzt sie dem Anwurf aus, unreflektiert, ungebrochen, kurz kitschig zu sein. Ideologische Ausgrenzungsversuche greifen hier wohl zu kurz, die Grenzen und Hierarchien zwischen den Systemen sind durchlässig geworden, und rein faktisch lässt sich entgegnen, dass das Umschlagen von Wohlgefühl in Langeweile, das untrennbar mit Kitsch verbunden ist, sich angesichts der Werke von Chihuly einfach nicht einstellen will. Die Ambivalenz, die Spannung zu erzeugen vermag, liegt in der „unheimlichen Materialität“ 1des Glases, in dessen Härte und zugleich Fragilität, in dessen Latenz zu zerbrechen und dem damit assoziierten Gefährdungspotenzial, in der Unbestimmtheit, ob es durchlässig ist oder verschliesst. So fühlen wir uns angesichts der Mille Fiori-Installation zur selben Zeit angezogen wie eingeschüchtert. Die präziseeingerichtete Beleuchtung evoziert die Kälte des Glases und zugleich eine warme Gesamtatmosphäre – ein Wohlgefühl mit einer leisen Gänsehaut.

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Menschen durch die Begegnung mit Schönheit zu berühren ist die lautere Absicht von Chihuly. Er hat ein universales Mittel dafür gefunden, dem sich selbst eingefleischte Kunstkritiker nicht entziehen können, für die ich stellvertretend Barbara Rose sprechen lasse: „Mein Dale Chihuly ist ein verschmitzter, gerissener, inspirierter Schamane – ein Magier, ein moderner Merlin, ein Ken Kesey Merry Prankster, der die psychedelische Erfahrung eines magischen, leuchtenden und spritzigen brillant lebendigen Panoramas ohne Drogen hervorruft. Diese verzauberte Glaswelt hat ebenso sehr mit Alice im Wunderland und dem Zauberer von Oz zu tun, wie mit den grossen Renaissance- und Barockfestspielen, mit denen die Herrscher ihren Hof und ihre Untertanen zu unterhalten pflegten.“2

Die grösste Verwandlungskunst von Mille Fiori liegt vielleicht darin, dass die Installation trotz formalen Referenzen zur Natur eine Gegenwelt entwirft und unmittelbar vorführt. Eine abgeschlossene, beschützte Welt,die uns über die Sinne und Gefühle im Innersten trifft und etwas in uns zum Klingen bringt. Diese Welt ist keine Illusion, denn sie bezeichnet nichts anderes, als sich selbst, gerade so, wie wir ihr im Ausstellungssaal begegnen, und wir sind Chihuly dankbar dafür, dass er uns auf dieser Insel reiner Schönheit verweilen lässt.

Notes

  1. Cf. Todd Alden, “When Is a Door a Jar? Dale Chihuly’s Uncanny Materiality”, in: Dale Chihuly, Chihuly at the Royal Botanic Gardens, Kew, Seattle, WA: Portland Press, 2005, S./pp. 9-19.
  2. Barbara Rose, “Dale Chihuly’s Paradise Regained”, in: Dale Chihuly, Chihuly Projects, Seattle, WA: Portland Press; New York: Abrams, 2000, keine Paginierung/no pagination

Published in: Kind of magic: Die Kunst des Verwandelns, Kunstmuseum Luzern, 2005

Also available in English

 

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